Aus der Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Pfarrei Penzberg (1999): 

Die Entwicklung der Pfarrei in den ersten Jahren

Viele Menschen waren in unsere Stadt zugewandert. Auch der Ausländeranteil lag wesentlich höher als in anderen bayerischen Bergwerksorten. Um die Jahrhundertwende bestand ein beträchtlicher Teil der Bergwerksbelegschaft aus Tschechen, Slowenen, Kroaten, Südtirolern und Italienern. Damit kamen nicht wenige aus so genannten "gut katholischen" Gebieten. Aber nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung fand in der Pfarrgemeinde eine geistige Heimat.

Obwohl der Frauenbund und der katholische Arbeiterverein (später Werkvolk, heute Kath. Arbeitnehmerbewegung) schon früh gegründet wurden und zahlenmäßig einen hohen Mitgliederstand aufwiesen, war der Übergang von der angestammten Heimat in die neu entstandene Bergarbeiterstadt doch so gravierend, dass sich bei nicht wenigen auch eine religiöse Entwurzelung bemerkbar machte.

Im Unterschied zu anderen Pfarreien gab es in Penzberg weniger Traditionschristentum, dafür aber eine bewusste Glaubensverwirklichung einer kleineren Gruppe. Die Mündigkeit der einzelnen Christen, auf die in vielen Pfarreien heute zunehmend Wert gelegt wird, war bereits in der damaligen Zeit in Penzberg nichts Ungewöhnliches.

Dass Menschen aus verschiedenen Ländern in Penzberg eine Heimat fanden und einen bedeutenden Beitrag zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung unserer Stadt leisteten, war schon im vergangenen Jahrhundert nicht ungewöhnlich. Um die Jahrhundertwende waren rund ein Viertel der Penzberger Einwohner Ausländer.

(Bild rechts, ca. 1893) Aus dem ehemaligen Jugoslawien zugezogen: Familie Richernik

Nachfahren der Familien zählen heute ganz selbstverständlich zu den "Penzbergern".

Ausschnitt der Liste über Nationalitäten, vermutlich von 1890.Nationalitätenliste


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pfarrer Pfeiler mit dem kath. Mädchenbund auf dem Herzogstand, 1926

Kath. Mädchenbund

 

 

 

 

 

 

Vor rund 75 Jahren: Buben des Kath. Jugendvereins mit dem Leiter Kaplan Prölle (etwa 1922), der den Begriff der Zylinder- und Frack-Katholiken prägte: Beerdigt wurden die Verstorbenen damals erster und zweiter Klasse. Gegen diese Aufteilung in Klassen wandte sich Kaplan Prölle in einer Ansprache während einer Beerdigung erster Klasse und sprach im Hinblick auf die bessere Kleidung eines Teils der Anwesenden von Zylinder- und Frack-Katholiken.

Kath. Jugendverein

Aus dem kath. Gesellenverein entwickelte sich später die Kolpingsfamilie.

Kath. Gesellenverein

In Penzberg gab es schon immer eine breite Palette unterschiedlicher Weltanschauungen, mit denen sich auch die katholischen Christen auseinandersetzen mussten. in Krisenzeiten versuchten neben der Gewerkschaft und den politischen Gruppierungen auch christliche Verbände die Bergarbeiter zu unterstützen. Dieses Anliegen der christlichen Verbände wurde jedoch nicht nur positiv aufgenommen, sondern auch als unerbetene Einmischung empfunden. So wurde z.B. die Gründungsversammlung des kath. Frauenbunds (1919 im "Staltacher Hof") massiv gestört.

Vielleicht hat das nicht immer ungetrübte Verhältnis zwischen Arbeiterschaft und Kirche zumindest in unserer Stadt zu erhöhter Sensibilität und Offenheit gegenüber Andersdenkenden beigetragen.

 

Aus der Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Pfarrei Penzberg (1999)